Kriegs- und Nachkriegszeit aus der Sicht eines Schülers
Ein Blick zurück – ohne Zorn

Die Probleme während des Krieges von 1939 bis 1945 und in der Nachkriegszeit sind heute der jüngeren Generation nicht bekannt. Ich habe deshalb ein paar alte Erinnerungen aus meiner Schulzeit ausgegraben und hier niedergeschrieben.

Als ich 1940 in die „Oberschule“ kam, hieß das Franziskaneum noch Fichteschule. Meine Lieblingsfächer waren Mathe, Physik und Biologie. Während des Krieges wurden im Sommer in einem Raum neben dem Haupteingang Seidenraupen gezüchtet. Wir holten deshalb von Maulbeerbüschen Zweige und fütterten die Seidenraupen mit den Blättern, die schnell weggefressen wurden. Nachdem sie sich eingesponnen hatten, wurden die Kokons eingesammelt, eingepackt und verschickt. Für uns war dies keine Belastung, sondern das vergleichsweise schnelle Wachstum der Raupen und ihre Verwandlung war sehr interessant.

Während des Krieges erhielten wir jeden Monat sogenannte „Lebensmittelkarten“. Fast alle Lebensmittel wie zum Beispiel Brot, Fleisch und Butter waren rationalisiert. Sogenannte Selbstversorger, in der Regel Bauern, erhielten entsprechend reduzierte Lebensmittelkarten. Wir hatten im Krieg zu Hause eine Ziege und ein Schwein. Pro Jahr und Person war im Fall eines Schweins das Maximum 50 kg (Lebendgewicht). Wir erhielt während eines solchen Jahres Lebensmittelkarten ohne Fleischmarken. Wir waren drei Personen, also durfte unser Schwein maximal ein Gewicht von 150 kg erreichen. In den Läden gab es fast nur sehr mageres Fleisch. Wir tauschten dann mit Bekannten gern fettes Schweinefleisch gegen mageres Rindfleisch. Die Viehhaltung war natürlich auch mit handfester Arbeit. Morgens fuhr ich mit meinem Fahrrad und einen großen Korb, um in den Elbwiesen mit Genehmigung des Pächters Gras und Brennnesseln für unsere Ziege und Kaninchen heranzuschaffen. Brennnesseln waren bei unseren Ziegen sehr beliebt! Am Nachmittag holte ich bei drei Gaststätten Abfälle als Futter für das Schwein.

Im Frühjahr 1945 zogen die Russen in Meißen ein und der Krieg war wenig später beendet. Durch den Krieg wurde Meißen im Gegensatz zu Dresden nur sehr wenig zerstört. Die Schulen, also auch die Fichteschule, blieben bis zum Herbst geschlossen. Alle Schüler, die älter als 14 Jahre waren, mussten sich eine Arbeit suchen. Meine Eltern kannten den Gärtner der Siebeneichener Gärtnerei sehr gut. Dadurch habe ich bis zum Schulbeginn im Herbst 1945 in der Siebeneichener Gärtnerei gearbeitet.

Als der Schulbetrieb wieder aufgenommen wurde, stellten wir fest, dass einige der uns gut bekannten Lehrer fehlten, weil sie entlassen wurden. Wir hatten insbesondere für die Entlassung unseres Biologie-Lehrers Striegler keinerlei Verständnis. Wir erfuhren, dass er arbeitslos geworden war. Zusammen mit einigen anderen Schülern aus unserer Klasse versuchten wir, Herrn Striegler wenigstens etwas zu helfen: Wir baten ihn, uns in Stenographie zu unterrichten. Ich benutze noch heute in Vorträgen und Meetings Steno! Im Herbst unternahmen wir mit ihm Wanderungen in den Wäldern der Meißner Umgebung und lernten dabei sehr viel, insbesondere über Pilze. Auf diese Weise konnten wir ihn auch etwas finanziell zu unterstützen.

Nach dem Kriegsende im Frühjahr 1945 wurden in Meißen einige Schulen als Lazarette genutzt. Die Physik-Sammlungen von zwei Schulen wurden in der Fichteschule eingelagert. Die Männer, die für diesen Transport eingesetzt wurden, hatten natürlich keinerlei Kenntnisse der Geräte. Aus diesem Grund herrschte in diesen Räumen der Fichteschule nicht nur ein totales Durcheinander, sondern einige Geräte waren defekt oder nicht mehr brauchbar. Herr Thieme, der in seinem Physik-Unterricht wieder Experimente einsetzen wollte, bat uns deshalb um Hilfe.

Wir waren anfangs fünf Schüler, die an mehreren Tagen in der Woche ihre Nachmittage die Geräte sichteten, testeten du wenn möglich reparierten. Offiziell war dieses eine Gruppe der „FDJ“ (Freie Deutsche Jugend), obwohl keiner von uns Mitglied dieser Organisation war noch irgendwelche Kontakte zur FDJ hatte. Der Einfachheit halber erhielt ich für diese Aufgabe sogar einen Generalschlüssel für die Fichteschule. Unser erstes „Projekt“ war, die Versorgung des Physikraums mit Gleichstrom wieder in Ordnung zu bringen. Basis waren sehr viele Akkus und ein Ladegerät. Motivation für dieses Projekt war auch ein gesunder Egoismus: Wir hatten in der Fichteschule auch abends Licht, wenn die ganze Stadt durch die übliche Stromsperre im Dunkeln lag bzw. sich mit Kerzen behelfen musste. Wenn mich der Unterricht einmal nicht besonders interessierte, sprach ich in den jeweiligen Lehrer an, weil ich unbedingt das Laden der Akkus kontrollieren müsste. Meine Bitte wurde nie abgelehnt.

Selbstverständlich haben wir damals unseren Lehrern auch Streiche gespielt. Hier ein Beispiel: Koni, unser Elektronik-Spezi in der Klasse, hatte sich ein mit Batterien betriebenes Radio gebastelt. Die Basis waren natürlich Röhren, Transistoren gab es ja noch nicht. Es war gerade Sommer und die Fenster im Physikraum waren weit geöffnet. Koni saß hinten im Raum und schaltete während des Unterrichts sein Radio ein. Die Musik war nicht überhörbar. Herr Thieme bat uns deshalb, die Fenster trotz der Wärme zu schließen, weil in einem benachbarten Privathaus die Musik viel zu laut sei und uns stören würde. Koni drehte beim Schließen der Fenster halt nur die Lautstärke zurück.

In den letzten entdeckte ich ein neues Hobby: Fotografieren.. Mein Vater hatte sich eine Kleinbildkamera gekauft. Diese nahm ich oft in die Schule mit und fotografierte während des Unterrichts nicht nur unsere Lehrer, sondern auch meine Mitschülerinnen und Mitschüler. Ich weiß nicht, ob unsere Lehrerinnen und Lehrer das Klicken nicht hörten oder es nur stillschweigend ignorierten. Die Qualität der Aufnahmen waren aus heutiger Sicht nicht hochwertig, da alle Aufnahmen zwangsweise aus der Hand und ohne Blitz (also relativ langen Belichtungszeiten) geschossen wurden. Kurz vor dem Abitur sichteten wir alle Aufnahmen, wählten die besten aus und klebten sie in ein Album ein. Der nächste Schritt war schon schwieriger: Wir stellten Bildunterschriften zusammen. Die Kunstmalerin Frau Maria Jost, die mit meinen Eltern befreundet war, trug die Texte professionell in das Album ein. Während des Mulus-Balls im Hamburger Hof überreichten wir dieses Album unseren Lehrern als kleines Dankeschön. Sehr viele Jahre danach, als ich schon in Hamburg sesshaft war, sprach der Rektor des Franziskaneums meine Eltern an, ob sie Interesse an dem Foto-Album hätten. Von den abgebildeten Lehrern war zu dieser Zeit ohnedies niemand mehr im Kollegium. So kam das Album wieder zurück in meine Hände.

Nur wenige aus unserer Klasse, wie zum Beispiel Horst Schlosser, haben sich eine Existenz in der DDR aufgebaut. Ich bin 1954, nachdem ich mich politisch unbeliebt gemacht hatte, im Harz schwarz über die zu dieser Zeit zwar bewachte, aber noch etwas lückenhaft befestigte Grenze in die Bundesrepublik „gewandert“. Mein eigentliches Ziel war Schweden. Mich interessierten die Arbeiten von Prof. Cramer an der Universität Stockholm, dessen Buch ich an der TU Dresden studiert hatte. Da ich vor einer Einreise in Schweden erst einmal einen Reisepass der Bundesrepublik haben musste, blieb ich zunächst in Hamburg. So bin ich halt letztendlich in Hamburg „hängengeblieben“.

Abschließend möchte ich noch kurz über die Folgen meiner Schulzeit berichten. Mein Vater war Mitinhaber einer Meißner Firma, die hochgebrannte Elektrokorund-Schleifscheiben herstellte, die zum Beispiel für die Metallbearbeitung eingesetzt werden. 1945 wurde er enteignet, da der andere Inhaber Mitglied in der sogenannten „Schwarzen SS“ (also nicht Waffen-SS) war. Anfangs durfte er bis zum Abtransport der Maschinen noch in seiner ehemaligen Firma arbeiten. Dies war auch der Grund, dass ich nach dem Abitur trotz einer sehr guten Beurteilung meines Mathematik-Lehrers Dr. Blanck nicht zum Studium zugelassen wurde. Das Kreisschulamt hatte Informationen über unsere Aktivitäten für die „Restaurierung“ der Physik-Sammlung in der Fichteschule. Der Kreisschulrat sprach mich an, ob ich denn nicht Lehrer werden möchte. Ich sagte nach einigen Zögern zu und kam gleich wieder auf die Schulbank: Drei Monate wurde ganztägig in einem Meißner Internat (ehemalige Fürstenschule) Russisch gepaukt. Mit Fremdsprachen wie Englisch, Russisch und Latein stand ich auf der Penne auf Kriegsfuß. Ich hatte im Internat allerdings Glück im Unglück: Durch einen Mangel an Betten, wurde ich gefragt, ob ich denn auch zu Hause wohnen könnte. Ich sagte aus vollem Herzen „Ja gern“. Noch wichtiger war jedoch, dass unsere Dozentin, eine Weißrussin, eine exzellente Pädagogin war. Während die anderen im Internat abends noch paukten, konnte ich zu Hause meinen Hobbies nachgehen. Für mich war es umso erstaunlicher, dass ich trotzdem mit „Gut“ abschließen konnte. Im Anschluss daran war ich bis zur Immatrikulation an der Humboldt-Universität Berlin für 1 ¾ Jahre Lehrer an der Grundschule in Röhrsdorf bei Wilsdruff.

Günter Mußtopf (von 1940 bis 1948 Schüler am Franziskaneum)